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Kolumne vom 21.05.2010: Interview: HLV-Geschäftsführer Frank Thaleiser über Leichtathletik, Marathon, Leistungssport, Nachwuchsförderung und Breitensport in Hamburg

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Frank Thaleiser ist seit Frühjahr 2008 Geschäftsführer des Hamburger Leichathletikverbandes. Zuvor war er u.a. Manager von 800m Läufer Nils Schumann und Direktor des Bayer Leichathletik-Meetings in Leverkusen. www.Laufen-in-Hamburg.de besuchte ihn im Verbandsbüro in der Alsterdorfer Straße (gleich bei km 27,0 der Laufstrecke des Hamburg-Marathons) und sprach mit ihm über die Hamburger Leichtathletik.
An der Wand hängen Planungsskizzen von der Jahnkampfbahn - mit 10 Rundum- Tribünenreihen.
www.Laufen-in-Hamburg.de: "Das ist die Jahnkampfbahn? Kaum wiederzuerkennen..."
Frank Thaleiser: "Ja, das sind Planungen aus der Zeit, als sich Hamburg um die Universiade 2015 beworben hatte. Die war ja letztendlich aufgrund von Finanzierungsproblemen gescheitert.

LiH: Bis zur Olympiabewerbung 2003 stand in der Hamburger Leichtathletik ja lange Zeit der Breitensport vor dem Spitzensport. Und nun geht es wieder in Richtung Leistungssport. Schwierig?
Thaleiser: Wir gehören ja nicht zu den top- geförderten Sportverbänden in Hamburg - aufgrund der letzten 20 Jahre. Man muss natürlich berücksichtigen, dass mittlerweile in der Leichtathletik eine ganze Generation Trainer fehlt - eine Generation gelebte Leichtathletik. Das kann man nicht von heute auf morgen beseitigen -und das macht einen Neuanfang schwierig. Ich brauche halt Leute, die sich 5 oder 6 mal die Woche hinstellen und das Ding "Leichtathletik" leben. Das war gesellschaftspolitisch vor 20 oder 25 Jahren wesentlich einfacher: Der Arbeitsplatz war sicherer und die gesellschaftliche Anerkennung vielleicht auch. 95 % unserer Trainer machen das im Ehrenamt, für eine Aufwandsentschädigung, die gegen Null läuft. Wir haben ja überhaupt erst vor zwei oder drei Jahren erstmals einen hauptamtlichen Leichtathletik- Landestrainer bekommen. Mit Uwe Florczak und Joachim Witt haben wir zumindest von Verbandseite die Möglichkeit, gewisse Dinge aufzufangen. Aber wenn die Vereine nicht die Chance sehen, die im Moment da ist, dann wird da auch nichts passieren.

LiH: Bei den Vereinen scheint die aktive Beteiligung abzunehmen...
Thaleiser: Bei den Schülern und Senioren sind wir ziemlich stark - bei den A-Schülern sogar so stark wie nie. Was wir jetzt schließen müssen, ist die Lücke zwischen 14 und 40. Nicht nur die Lücke bei den Trainern, sondern generell bei allen, die Leichtathletik leben. Ich habe also das Problem, dass ein 40- oder 30jähriger heute seinen Kindern sagen müsste: "geh' doch mal zur Leichtathletik". Das versuchen wir über Top- Athleten nach außen zu vermitteln. Beim Fußball ist das einfach - spiel' ich in der Bundesliga, habe ich "ausgesorgt". An sowas orientieren sich Kinder - oder Eltern. Also muss man ihnen nahelegen: "in der Leichathletik kannst Du auch was erreichen".

LiH: Das mit den Vorbildern funktioniert aber doch nur mit Leuten, die jahrelang in den Medien oder vor Ort präsent sind. Aber hier sind die Leichtathleten ja zum Teil nach zwei Jahren wieder weg, und keiner außerhalb der Szene kennt sie...
Thaleiser: Das sehe ich anders. Es wird in Hamburg gerne mal erstmal schlechtgeredet. Das mag vor 10 Jahren so gewesen sein, oder vor fünf Jahren, aber heute nicht mehr. Helge Schwarzer (Hürdensprinter HSV) ist das dritte Jahr hier, Nadja Käther (Weitsprung HSV) kommt aus der Metropolregion und Anika Leipold (Weitsprung HSV) wird sicherlich bis 2012 dableiben. Also: im Moment ist die Hamburger Leichtathletik wahnsinnig im Umbruch. Wir hatten sehr lange nicht mehr so viele B-Kader- Athleten gehabt wie im Moment oder ein so gutes Fundament an D-Kadern. Nicht so wie in den 80er Jahren, aber es braucht halt Zeit.

LiH: Markus Münch oder Helge Schwarzer sind ja nun weit von einem Bekanntheitsgrad und einer Vorbildfunktion entfernt wie, sagen wir mal, ein St. Pauli- Fußballer...
Thaleiser: Klar, Fußball ist eine andere Dimension. Aber wenn ich heute einen Talentetag mit 150 Kindern mache, und Helge Schwarzer ist da und hält eine Rede, dann sieht man, dass die Kinder ihn kennen. Und, erstaunlicherweise: wenn ich mit Trainern in Deutschland rede oder mit dem DLV und sage, was wir vorhaben - die erkennen einen wahnsinnigen Umschwung in der Hamburger Leichtathletik. Nur der alteingesessene Hamburger Leichtathlet nicht. "Haben wir alles schon probiert, haben wir damals auch gemacht, hat nicht funktioniert." Thema abgehakt. Dieses positive Denken, nach vorne, "wo wollen wir hin, was können wir erreichen": das fehlt. Der kommt und sagt, "Warum macht ihr denn die Halle zu, für Kaderathleten, für zwei Stunden?".

LiH: Was ist der Zeithorizont für die Kehrtwende?
Thaleiser: 2016 ist unser Ziel. Wir müssen die Wende bis dahin geschafft haben. Bis dahin müssen wir die Strukturen gelegt haben. Bis dahin will ich mich nicht mehr mit der Bremer Leichtathletik ganz hinten prügeln. Klar, wir werden nicht an Bayern, Nordrhein oder Westfalen vorbeikommen. In Bayern hat man 180000 Leichathleten. Wir haben 6500.

LiH: Wo bekommt man in sechs Jahren die Leute her? Bei den Schülern dauert das wohl länger, und Athleten teuer einkaufen geht nicht...
Thaleiser: Naja - "teuer einkaufen", in der Leichathletik. Da lacht jeder Fußballer drüber... Die Rahmenbedingungen haben wir, oder die Stadt, ja teilweise mit der Leichtathletikhalle schon geschaffen. Die ist die Grundvoraussetzung, bevor man überhaupt darüber nachzudenken braucht, in Hamburg nochmal Leistungssport zu machen. Deren Fehlen ist ja genau der Grund dafür gewesen, warum Nils Winter, Bianca Kappler, Carolin Nytra oder Arne Gabius weggegangen sind. Wenn die zurückkommen wollten, dann würden wir schon einen Quantensprung machen. Wir haben die Halle im letzten Jahr noch mit Kraftraum und Optojump- System optimiert. Wir machen uns also mit Infrastrukturmaßnahmen "in Steinen" und "in Personal" für Athleten interessant - auch wenn wir keine großen Summen zahlen. Dazu haben wir den HSV als den Verein vor Ort, der es überhaupt leisten kann, Top- Athleten zu unterstützen. Wir haben ein Leistungssport- Förderprogramm mit Trainerunterstützung und -finanzierung für die Vereine aufgelegt, Trainingslagerunterstützung mit Fahrtkostenzuschüssen für die Meisterschaften. Und: Wir haben unser Konzept der dem Hamburger Sportbund und der Politik vorgestellt - und sie tragen es.

LiH: Und wird das auch von den 3-4000 HLV Breitensportlern aktiv mitgetragen? Wir haben ja in Hamburg die spezielle Situation, dass viele Leute zum Betriebssport gehen, weil sie da ihre Wettkämpfe bekommen und sich für den Spitzensport gar nicht interessieren.
Thaleiser: Da müssen sich die Vereine selbst fragen, was sie anders machen müssen als der Betriebssport oder die kommerziellen Dienstleister, um wieder mehr Mitglieder zu bekommen. Das sind aber keine Aufgaben des Verbandes. Verbandsaufgabe ist, so glaube ich, der Weg, den wir im Moment betreiben, nämlich die Sportart wieder in den Vordergrund und in die Medien zu bekommen, so dass erstmal wieder Nachwuchs anfängt, Leichtathletik zu machen, was dann wiederum bewirken würde, dass die Vereine wieder genug Mitglieder haben, so dass es sich wieder lohnt, Trainer zu haben. Habe ich keine Mitglieder, kann ich meinen Trainer nicht finanzieren. Genau den Knoten muss man durchschlagen. Wir versuchen über Schulsichtungen und über Local heroes die Leichtathletik so populär zu machen, dass es sich für die Vereine wieder lohnt, Trainer einzustellen, weil sie genug Mitglieder haben.

LiH: ...ein Henne-Ei-Problem. Immerhin: Die drei Marathon- Local Heroes (Bekakcha, Hendriksen, Hämmerling) waren ja in den Medien 2010 verhältnismäßig gut vertreten...
Thaleiser: Ja - drei lokale Leute mit einer 2:30, welche Stadt in Deutschland hat das heute schon zu bieten? Damit sind wir schon eine Laufhochburg. - Der Marathon ist natürlich schon ein Aushängeschild. Problem war aber in den letzten 20 Jahren, dass man die Hamburger Leichtathletik nur mit dem Marathon in Verbindung gebracht hat. Der stand als Veranstaltung separat für sich da. Man hat es in 20 Jahren nicht geschafft, aus dieser starken Stellung des Marathons heraus Vereine zu begeistern oder Leute zum Laufen zu bringen. Nicht nur ein Hamburger, sondern auch ein Berliner Problem - da gibt's bis auf die LG Nord auch keine starke Laufgruppe, von der man sagen könnte, dass sich aus der ganzen Breitensport- Laufbewegung heraus eine Spitze gebildet hat.

LiH: Aber der Marathon hat doch Leute zum Laufen gebracht?
Thaleiser: Ja, aber die Frage ist (a) ob seinetwegen Leute in die Vereine gekommen sind und (b), wenn man sich die Entwicklung der Laufzeiten ansieht, dass der Marathon, oder die Marathonbewegung allgemein, sich ein bisschen zum "Event" hin entwickelt haben: Ankommen, egal ob in drei Stunden oder in sechs Stunden. Mir wäre es aber wichtig, den Marathon zu nutzen, um viele zum Laufen zu bringen - und daher ist das eigentlich Positive beim Marathon die Entwicklung des "Zehntels". Das ist eine Erfolgsgeschichte. Dann macht der Marathon Sinn, wenn ich 6000 Schüler einen Tag vorher zum Laufen bewege. Da haben wir ein Riesenpotential, das auch die Vereine nutzen müssen.

LiH: Wie hoch schätzen Sie die Quote derer, die im Verein "hängenbleiben"?
Thaleiser: Leider ist die Quote nicht groß - auch weil die Vereine sich nicht sehr stark darum bemühen, die Schüler auch zu bekommen. Womit wir wieder bei den Vereinsaufgaben wären. Einige haben das verstanden, nicht nur der HSV, sondern zum Beispiel auch die LG Wedel-Pinneberg. Wir haben beim Zehntel im Zielbereich Flyer an die Eltern verteilt, in denen einfach mal drinsteht, was der Verband eigentlich macht - und eine Ansage an die Eltern, "wenn Sie glauben, Ihr Kind ist ein Talent, dann rufen Sie uns einfach mal an.". Unser Sichtungstrainer war erstaunt, wie viele Mails er bekommt. So was ist eine Verbandsaufgabe, die wir für die Vereine machen. Je mehr wir als Verband die Leichtathletik in die Öffentlichkeit tragen, desto mehr profitieren auch die Vereine davon.

LiH: Manchmal klappt das ja nicht so recht mit dem Zulauf: Die "puristischen" Laufveranstaltungen ohne Drumherum haben mittlerweile ihre Schwierigkeiten.
Thaleiser: Es gibt nun mal einen Verdrängungswettbewerb, bei der Anzahl der Veranstaltungen und bei dem, was geboten wird. Am besten habe ich die schöne Laufstrecke, eine Party, und den Leistungssport, und eine gute Betreuung für den Breitensportler, und wenn ich meine Startertüte aufmache, ist auch noch was drin.

LiH: Beim Hamburg-Marathon wird auf sowas ja besonders genau draufgeguckt. Die Hamburger wollen "ihren" Marathon ja gerne erhalten.
Thaleiser: Mit dem "Erhalten, wie er ist" hab' ich ein bisschen Bauchschmerzen. Der HLV wird 2011 100 Jahre alt, der Marathon wurde 25, da schaut man schon mal in die Annalen. Da gibt es schon gegenüber dem Hamburg-Marathon vor drei Jahren einen Veränderungsprozess. Genau wie die Gesellschaft verändert sich auch die Veranstaltung an sich.

LiH: Der Marathon scheint aber auch mit dem "Kern" von vielleicht 8000 Leuten wie 1986 funktionieren, ohne eingeladene Kenianer.
Thaleiser: Das ist die Frage - er würde sicherlich als Veranstaltung funktionieren, er würde aber nicht als Aushängeschild der Stadt Hamburg funktionieren. Hätte ich dann vier Stunden NDR, Bilder bundesweit oder weltweit, die der Stadt Hamburg zugutekommen? Wie würde die Politik dazu stehen, wenn es eine rein lokale Veranstaltung ist, wie stehen Sponsoren dazu? Absperrungen gibt es nicht mehr kostenneutral, irgendeiner muss das finanzieren - das ist wieder der Kreislauf: Habe ich vorne nicht mehr die Spitze, habe ich das Fernsehen nicht mehr, habe ich das Fernsehen nicht, habe ich keine Sponsoren, habe ich keine Sponsoren, kann ich nicht mehr das leisten, was dem Breitensportler zugutekommt. Der erwartet nun mal eine super organisierte Veranstaltung, seine Medaille, sein Finisher T-Shirt, seine warme Dusche, sein Essenspaket...

LiH: Aber das hat doch vor 20 Jahren auch ganz gut funktioniert?
Thaleiser: Jein. Den Service, den der Läufer heute bekommt, den hat er nicht vor 20 Jahren bekommen...

LiH: ...ich bin erst seit 12 Jahren dabei, deswegen weiß ich's nicht so genau...
Thaleiser: Wenn man mal die Presse von vor 20 Jahren liest, schmunzelt man manchmal, was der Läufer damals ertragen hat, was man ihm heute gar nicht mehr zumuten kann...

LiH: ...zum Beispiel?
Thaleiser: Kalte Duschen! Ich glaube, beim ersten Marathon gab's außer Wasser auch keine Verpflegungsstände... Bei dem Verdrängungswettbewerb der Städtemarathons muss man den Leuten heute für ihr Geld mehr Service bieten.

LiH: Man hat den Eindruck, 20 Jahre lang mit den Messehallen war alles ok, und jetzt ist's ein bisschen abgerutscht.
Thaleiser: Was ich an der ganzen Diskussion in den letzten Wochen eigentlich schade finde, ist, dass untergeht, dass er die größte Veranstaltung in Hamburg ist - da stehen 850000 Leute an der Strecke. Der HSV hat 17 Heimspiele. Da kommen 40000 Zuschauer hin. Nicht jedesmal 40000 andere, sondern fast immer die gleichen. Es würden auch keine 80000 kommen, wenn das Stadion größer wäre.

LiH: Bei den 850000 wird aber auch jeder mitgezählt, der irgendwo in der Nähe sein Fenster offen hat, da müsste ja auf der Seite der Strecke im Durchschnitt alle 10 cm ein Zuschauer stehen...
Thaleiser: warum nicht, könnte fast sein?

LiH: Wie dem auch sei, Hamburgs Herz schlägt für den Marathon, ohne Zweifel.
Thaleiser: Und das würde ich einfach mal in den Vordergrund stellen. Aber auf Pressekonferenzen wird gesagt, "wir haben zuwenig Geld, wir haben keine Topleute, wir haben Löcher in den Straßen, wir haben sonstwas". Das, finde ich, wie ganz zu Anfang gesagt, keine positive Einstellung. Wir sollten froh sein, dass wir so eine Veranstaltung in Hamburg haben! Und aus dem Gefühl heraus kann man sich hinsetzen und sehen, wie man die Dinge, die nicht funktioniert haben, ändert.

LiH: Dass der Marathon eine tolle Veranstaltung ist, bestreitet ja eigentlich auch niemand. Aber der eigene Anspruch war ja: Jetzt werden wir IAAF Gold Label- Lauf, werden international... und ein Jahr später ist's in die Grütze gegangen.
Thaleiser: Vielleicht redet man in den letzten zwei Jahren mehr darüber, weil der Veranstalter gewechselt hat.

LiH: Und In zwei Jahren dann wieder, wenn der Vertrag mit Act ausläuft?
So klar wir in der Zielsetzung mit unserem Projekt 2016 sind, so wenig kann ich sagen, was in zwei Jahren mit dem Marathon passiert. Vielleicht hat die Agentur in zwei Jahren keine Lust mehr, die Veranstaltung durchzuführen - oder sie sagt, "wow, die erfolgreichste Veranstaltung, die wir im Portfolio haben". Vielleicht stehen noch drei andere Agenturen da und sagen, "wir bezahlen das Doppelte" - ich weiß es nicht.

LiH: Der Presse war zu entnehmen, dass der HLV schon recht genau weiß, was er mit der Veranstaltung will und eine Richtung vorgibt. Was Act zum Breitensport gesagt hat, war beim HLV nicht so gut angekommen?
Thaleiser: Unser Präsident hat sich ja ganz klar committed, nämlich das, was wir beim Verband machen: über den Leistungssport die Breite anzusprechen, genau das erwartet er auch vom Marathon. Dass dann die kaufmännischen Interessen der Agentur mit dem sportpolitischen Anspruch eines Präsidenten kollidieren können, das mag ja auch sein. Die Problematik mit der Vergabe dieser Veranstaltung in der jetzigen Form ist eigentlich, dass man keinen direkten Einfluss mehr auf die Veranstaltung hat. Wir haben keinen Einfluss darauf, ob Topathleten eingeladen werden oder die Medaille groß, klein, rund oder eckig sein soll. Oder ob man in den Schuppen 52 geht oder in die Messehallen. Das waren alles Entscheidungen der Agentur.

LiH: Nicht vertraglich festgelegt?
Thaleiser: Nein. - Im Gegensatz zum Fußball, wo ich ein Vermarktungspaket schnüre und an eine Agentur abgebe, die damit machen kann, was sie möchte, also: der HSV verkauft seine Werberechte an Sport Five für Summe X, und entweder generieren sie die, oder eben sonst Summe Y, im Gegensatz dazu also haben wir den Weg gewählt, dass wir die komplette Veranstaltung abgegeben haben, sondern auch die Organisation, und damit auch den inhaltlichen Einfluss. Im nachhinein kann man sich natürlich fragen, ob das sinnvoll gewesen ist, aber zu dem Zeitpunkt war ich nicht hier, und deswegen möchte ich die Frage auch so gar nicht beantworten.

LiH: Man hätte ja erwarten können, dass durch die Personen beim Marathon (Wolfram Götz, vormals auch HLV- Geschäftsführer, plus Team) eine Kontinuität und Einvernehmen über die Richtung besteht?
Thaleiser: Das war mit dem Übergang der Mitarbeiter vom HLV in die Agentur ja auch so beabsichtigt...

LiH: Hat aber nicht geklappt?
Thaleiser: Möchte ich so nicht sagen. Die Diskussionen in der Presse deuten zwar drauf hin... Wir (der HLV) waren ja auch am Montag (nach dem Marathon) nicht auf der Pressekonferenz. Aber wenn man dann mal gesehen, wie agenturintern bei der Pressekonferenz darüber gerungen wurde, ob man jetzt neue Wege geht - da wird auch nicht eine Sprache gesprochen. Wenn dann noch der Verband dazukommt, dessen Präsident eine andere Auffassung hat, dann kann schon der Eindruck entstehen, dass es ein bisschen knirscht im Gebälk. - Aber der Verband ist in guten Gesprächen mit der Agentur um die gegebenenfalls unterschiedlichen Vorstellungen in Teilbereichen für alle Beteiligten zufriedenstellend zu lösen. Wir sind ja Vertragspartner - und im Vertrag steht schon drin, welche Ausrichtung der Marathon haben muss. Wenn jetzt alle nur noch, sagen wir mal, mit Badeschlappen laufen, damit es der größte Badeschlappenlauf der Welt wird, wäre das sicherlich auch nicht im Sinne dessen, was man mit der Veranstaltung vorhatte. Sie soll eine gewisse Außenwirkung für den Verband und die Stadt haben. Das ist festgeschrieben. Der größte Badeschlappenlauf der Welt hätte das nicht und wäre nicht mehr der Hamburg- Marathon, sondern eine andere Veranstaltung. Kann man ja sicher durchführen, aber nicht unter der Bezeichnung "Hamburg-Marathon". Und das diskutieren wir mit der Agentur. Es war nur schwierig, sich über die Presse zu unterhalten.

LiH: Weitergehen wird's aber in jedem Fall?
Thaleiser: Es gibt außerdem ja noch ein demographisches Problem - siehe den Artikel im Abendblatt, darüber, wie der Marathon in 25 Jahren aussieht. Die, die vor 25 Jahren als vielleicht 40jährige angefangen haben Marathon zu laufen, die werden nicht nochmal 25 Jahre drauflegen. Da muss man sich fragen, wie man in Zukunft eine gewisse Teilnehmerzahl generiert, damit es finanzierbar bleibt.

LiH: Die Altersstruktur ist bedenklich?
Thaleiser: Ja, und zwar nicht nur in Hamburg. Bundesweit gibt es wenige Veranstaltungen, die im jüngeren Bereich noch Zuwachs haben. Der einzige Lauf in Deutschland, der wirklich sagen kann, "wir sind voll", bevor der Meldeschluss da ist - das ist Berlin. Frankfurt hat 10000, Düsseldorf 7000, die sagen zwar immer 14000 oder 15000, aber nur mit 10 km und Halbmarathon... danach gegangen, könnten wir auch sagen, wir haben 27000, mit dem Zehntel. Welche Zahlen bringt man auch immer in die Öffentlichkeit bringt. Als Frühjahrsmarathon hat man es natürlich besonders schwer, zumal nach diesem Winter.

LiH: Und die Formalie mit dem Qualifikationsverfahren hat die Leute verärgert.
Thaleiser: Das sollte man auch überlegen. Man spricht ja immer vom Service beim Breitensport, und über die Außenwirkung der Meldezahl für die Laufgemeinschaft. Mit 40000 Leuten durch Berlin zu laufen, das "muss" man unbedingt mal machen. Ok, in Boston sind es die 116 Jahre, die "ziehen", aber wenn da nur 5000 Leute laufen würden, da wäre der Mythos trotzdem ganz schnell weg. Den Mythos muss man sich erarbeiten. Man muss sich natürlich fragen: wofür steht Hamburg? Berlin hat's einfach. Berlin ist der Hauptstadtmarathon. Seit der Wiedervereinigung durch das Brandenburger Tor zu rennen, das war ja der Super-Hype.

LiH: Hamburg hat halt den "Eppendorfer Kessel" - man hört häufig, dass die Zuschauer das Besondere an Hamburg sind.
Thaleiser: Aber wenn in Hamburg so eine wahnsinnige Begeisterung herrscht und ich muss hier unbedingt mal laufen, warum laufen dann in Berlin 40000, in Hamburg aber "nur" 20000? Und dann sind wir wieder bei all den kleinen Fragen, wo man was verbessern kann. Die haben wir uns zum 25jährigen Jubiläum auch gestellt.

LiH: Und auch andere Veranstaltungen haben ihre Schwierigkeiten - besonders die "Puristen". Ist es aus Verbandssicht nicht gerade schade, wenn gerade Straßenläufe, bei denen der "reine Sport" im Vordergrund steht, z.B. bei der LG HNF, ihre Probleme haben?
Thaleiser: Naja, diese Aussage, "aus Verbandssicht". Der Verband wird von 65 Mitgliedsvereinen getragen. Der Verband, das sind eigentlich die Vereine. Deswegen kann der Verband nichts anderes machen, als was die Vereine eigentlich wollen. Die müssen dann im Verband auch mitarbeiten. Auf dem Verbandstag hat man ja auch gesehen, wie viele wirklich aktiv mitarbeiten. Als ich vor zwei Jahren hier angefangen habe, habe ich jedem gesagt, kommt bitte hierhin, hier stehen Sessel und Sofa, ich diskutiere mit jedem jeden Tag über die Leichtathletik und was wir machen können und was wir verändern müssen. Das einzige was ich nicht haben möchte, ist "früher war alles besser, früher war alles anders". Damit kommen wir nicht weiter. Auf der anderen Seite hat natürlich mancher kommerzielle Anbieter die Chance gesehen, mit seinem verbesserten Service seine Veranstaltung attraktiver zu gestalten. Und diese kommerziellen Anbieter laufen dem klassischen Vereinsanbieter mit den Ehrenamtlern im Hintergrund definitiv den Rang ab. Der kommerzielle Anbieter hat halt eine größere Manpower, um Sponsorenakquise zu machen, damit habe ich Geld, um wieder andere Dinge zu machen - und der Verein ist auf Ehrenamtler angewiesen. Der Verband kann jetzt keine finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, damit Vereinsveranstaltungen aufgepeppt werden. Wenn ich das mit einer Veranstaltung mache, dann kommen 23 andere Veranstalter und sagen, ich mach' das, und das, und das. Das funktioniert nicht.

LiH: Und unterstützende Sachleistungen für Veranstaltungen?
Ja, zum Beispiel die Broschüre "Laufen in Hamburg" als Veranstaltungsverzeichnis. Die hat eine große Außenwirkung. Beim Volkslaufkalender des DLV hatten wir vor zwei Wochen noch beim DLV diskutiert, ob wir den drucken sollen oder nicht - aber das ist die größte Publikation des Deutschen Leichtathletikverbandes, den kann man nicht einstellen, denn der hat Außenwirkung. - Außerdem: Bei Meisterschaften mussten früher die Vereine selbst die Urkunden und Medaillen selbst finanzieren. Das macht jetzt komplett der Verband. Also, wo wir die Vereine mit Sachleistungen entlasten können, da machen wir das. Aber bei der Außenwirkung gibt's natürlich noch die kleinen "Stellrädchen": Warum gibt es auf der Seite des Marathons keinen Link zum Hamburger Leichtathletikverband, oder umgekehrt? Und außerdem: Aufgrund der Vereinssituation bei Veranstaltungen in Hamburg, der vielen Agenturen, darunter eine große Laufagentur, eine große Marathonagentur, und eben des Hamburger Leichtathletikverbandes, sind viele Akteure im Spiel, die schlecht bis gar nicht miteinander vernetzt sind. Deswegen, glaube ich, haben wir da ein Problem, die Sportart gemeinsam nach vorne zu treiben. Dann kommen auch noch das Sportamt und die Politik ins Spiel. Wir überlegen natürlich auch für 2016 oder nächstes Jahr für "100 Jahre HLV", was wir da machen. "Wir sind Leichtathletik", oder "Wir sind Laufen" - das wäre noch eine Aufgabe.

LiH: Gibt's schon ein Jubiläumsprogramm? Das Jubiläumssportfest auf der Jahnkampfbahn? Ist die nächstes Jahr überhaupt offen?
Thaleiser: Ab April werden wir sie 2 1/2 Monate lang nicht nutzen können, weil die Tartanbahn gemacht wird. Am 25. Juni muss sie für die Betriebssport- Europameisterschaften (=European Company Sports Games / ECSG 2011) fertig sein. Als Ausweichanlage haben wir den Hammer Park - die Bahn ist super, alles andere wird gemacht.

LiH: Über die Anlage Hammer Park gab's sehr viele Beschwerden.
Thaleiser: Das verfolgt mich ja, seit ich hier bin. Man kann darüber diskutieren, warum das Bezirksamt Mitte zwei Jahre gebraucht hat, um sich zu bewegen. Ich seh's positiv und sage, "wir haben es geschafft, dass sie sich bewegen". Die Tartanbahn im Hammer Park an sich ist die beste, die wir in Hamburg haben. Alles andere um den Hammer Park ist schwierig - da sind schon viele Dinge in den Brunnen gefallen, die wir wieder rausholen müssen. - Wenn die Jahnkampfbahn renoviert ist, dann wird's dort irgendwann auch mal wieder deutsche Juniorenmeisterschaften geben. Dieses Jahr sind die Anläufe gemacht worden, Speer, Weitsprung, Stabhochsprung, zum Teil ist der Hochsprung ausgebessert worden, und im nächsten Jahr kommt die komplette Laufbahn dran. Die Tribünen bleiben.

LiH: Apropos Tribünen: Die Leichtathletikhalle ist zwar toll, aber sie ist eben nur eine Trainingshalle, und für die Austragung von Meisterschaften nur teilweise geeignet, weil die Zuschauerplätze fehlen. Und die Jahnkampfbahn?
Thaleiser: Alle Meisterschaften, die wir auf der Jahnkampfbahn machen könnten - das geht nur bis zu Deutschen Juniorenmeisterschaften. Wir könnten noch nicht mal Deutsche Jugendmeisterschaften machen, dafür braucht man einen Einlaufplatz. Auch keine deutschen Erwachsenenmeisterschaften. Da gibt's zu viele Anforderungen. Deswegen ist für Erweiterungen der Zuschauerkapazitäten der Bedarf im Moment gar nicht erst da.

LiH: Nichts gegen 50 Jahren Warten auf die Leichtathletikhalle.
Thaleiser: Naja, das habe ich ja verfolgt, wie oft sie zu- oder abgesagt worden ist - von daher kann ich ja den einen oder anderen verstehen, der sagt, "es passiert sowieso nichts" - oder abwinkt. Aber man sollte zumindest anerkennen, dass etwas passiert ist und davor nicht die Augen verschließen. Und das auch noch im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wandel: Die Leichtathletik überhaupt hat hier nicht mehr den Stellenwert, den sie vor 30 Jahren hatte, oder 40. Deswegen kann man auch nicht erwarten, dass wir mit dem, was wir in zwei Jahren machen, den Stellenwert gesellschaftlich wieder so hoch bekommen wie vor 40 Jahren. Ich glaube aber schon, dass wir von den Sportverbänden in Hamburg (mit Ausnahme des Fußballs), schon einer der aktivsten Verbände sind.

LiH: Und abschließend: was machen Sie selbst läuferisch?
Thaleiser: Nichts mehr. Ich hatte nach meiner aktiven Zeit (400m Läufer, Bayer Leverkusen) komplett aufgehört...

LiH: Eine Alsterrunde laufen?
Thaleiser: Wenn, dann geh' ich sie mit meinem Hund spazieren...

LiH: Und Ihre eigene Zukunft beim HLV?
Thaleiser: Na, (lacht) es sind ja noch 27 Jahre, es sei denn, die Rente kommt noch später... erstmal kommen jetzt 100 Jahre HLV und die Vision 2016.

LiH: Wir sehen uns dann also spätestens beim Jubiläum wieder.
Thaleiser: Bestimmt früher!

LiH: Vielen Dank für das Interview!

Aufgezeichnet am 5. Mai 2010.


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